Hintergrund der Galaktosämie
Was ist anders im Körper eines Menschen mit der seltenen Stoffwechselerkrankung Galaktosämie? Und was hat das mit unseren Genen zu tun?
Erkenntnisse aus der Wissenschaft und aktuelle Veröffentlichungen finden Sie in diesem Bereich.
Der Verlauf der Klassischen Galaktosämie: Aktuelle wissenschaftliche Beobachtungen (Mai 2019)
Eine neue wissenschaftliche Veröffentlichung beschreibt den Verlauf der Klassischen Galaktosämie – einer seltenen genetisch bedingten und neurodegenerativen Stoffwechselerkrankung.
Unter der Leitung von Professor Estella Rubio Gozalbo der Universität Maastricht und der Mitwirkung von Patientinnen und Patientenvertretungen aus 15 europäischen Ländern, zu denen auch die Galaktosämie Initiative Deutschland mit ihren wissenschaftlichen Beiräten Professor Dirk Müller Wieland und Dr. Jörg Kotzka gehören, wurde ein Web basiertes Patientinnen und Patientenregister entwickelt. Ziel war, den Verlauf der Klassischen Galaktosämie anhand der bisher größten Datenmenge von Patientinnen und Patienten zu beschreiben.
Klassische Galaktosämie ist eine seltene angeborene Störung des Kohlenhydratstoffwechsels, verursacht durch einen ernsten Mangel des Enzyms Galaktose-1-Phosphat Uridyltransferase (GALT). Eine Galaktose-eingeschränkte Diät hat sich als sehr effektiv erwiesen, um die möglicherweise lebensbedrohenden Symptome im Neugeborenenalter zu behandeln und ist der Grundstein in der Behandlung dieser ernsten Erkrankung. Dennoch treten belastende Komplikationen trotz einer lebenslangen Diät auf.
Von den europäischen Wissenschaftlern wurden zwischen Dezember 2014 und Juli 2018 Beobachtungsdaten aus 15 Ländern und 32 Zentren von insgesamt 509 Patientinnen und Patienten und Patienten erhoben.
Link zur freien Original-Veröffentlichung bei PubMed:
The natural history of classic galactosemia: lessons from the GalNet registry.
Der Stoffwechsel
Die Galaktosämie ist eine seltene erbliche Störung im Stoffwechsel der Galaktose. Da der Stoffwechsel in der Regel ganz von allein funktioniert und unser Körper so aufgebaut ist, dass alle Vorgänge richtig ablaufen, braucht man eigentlich nicht viel über den Stoffwechsel zu wissen, außer dass man sich gesund ernähren soll. Beim Vorliegen einer Störung im Stoffwechsel ist es jedoch notwendig, die Besonderheiten des veränderten Stoffwechsels zu kennen. Dann können Maßnahmen ergriffen werden, um diese Störung auszugleichen und Sie können diese Maßnahmen verstehen.
Mit Stoffwechsel wird die Verarbeitung und Verwertung von Nährstoffen durch den Körper sowie der Aufbau (besonders stark während des Wachstums), Umbau und Abbau (besonders stark bei Gewichtsabnahme) des Körpers selbst bezeichnet. Die Nährstoffe stammen aus der Nahrung. Es sind dies:
- Kohlenhydrate (z.B. Zucker, Stärke)
- Fette (z.B. Öl)
- Proteine (in großen Mengen in Fleisch, Fisch, Eiern und Milch enthalten)
- Mikronährstoffe: Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine
- Wasser
Kohlenhydrate und Fette werden besonders zur Gewinnung von Energie genutzt, während Eiweiß vorwiegend als Baumaterial für den Körper benötigt wird.
Der Stoffwechsel beginnt mit der Verdauung. Bei der Verdauung in Mund und Darm werden aus der Nahrung die Nährstoffe herausgelöst und sofort weiter in kleinere Einheiten zerlegt. Dabei werden aus den Kohlenhydraten verschiedene Zucker, aus dem Eiweiß (Protein) die Aminosäuren, und aus dem Fett entstehen kleinere Fetteinheiten.
Die unterschiedlichen Nährstoffeinheiten gelangen ins Blut und werden zu den verschiedenen Organen transportiert. In den Organen werden sie durch chemische Reaktionen schrittweise in noch kleinere Bruchstücke zerlegt. Bei jedem Schritt der Zerlegung wird Energie freigesetzt, die der Körper für seine Lebensvorgänge braucht.
Energie ist wichtig für das tägliche Leben und ermöglicht körperliche und geistige Leistungen. Viele Bruchstücke der zerlegten Nährstoffe dienen auch als Baumaterialien für Zellen, Gewebe und Organe des Körpers. Aus den im Zuge der Verdauung entstehenden Zuckern und Fettsäuren kann der Körper unmittelbar Energie gewinnen.
Die Verarbeitung und Verwertung der Nährstoffe sowie der Auf- und Abbau von Stoffen im Körper erfolgt in etwa 10.000 sehr genau aufeinander abgestimmten chemischen Schritten. Bei jedem Schritt wird ein Stoff in einen anderen umgewandelt (ein Stoff wechselt in einen anderen – daher das Wort Stoffwechsel), und zwar mit Hilfe von Enzymen.
Enzyme sind Proteine, die im Körper hergestellt werden und bewirken, dass die chemischen Stoffwechselschritte im Körper ablaufen können. Jedes Enzym hat einen einzigartigen Bauplan und ist immer nur für einen einzigen, ganz bestimmten Schritt im gesamten Stoffwechsel verantwortlich. Der Bauplan eines jeden Enzyms ist im Erbgut des Menschen jeweils in einer Erbanlage (die auch als Gen bezeichnet wird) festgelegt.
Erbliche Stoffwechselstörungen
Von einer angeborenen Stoffwechselstörung spricht man, wenn bei einem Menschen von Geburt an ein bestimmter Schritt im Stoffwechsel nicht richtig abläuft. Der Grund dafür ist ein Fehler im Bauplan, d.h. in der Erbanlage für dieses Enzym, den das Kind bei seiner Zeugung von den Eltern übertragen bekam.
Bei einem Enzymmangel kann der Schritt im Stoffwechsel, für den das Enzym zuständig ist, nicht stattfinden. Dies führt zum Anstau oder zum Fehlen von Stoffwechselprodukten. Ein bildhafter Vergleich: Besteht ein Hindernis in einem Bachlauf, wird das Wasser gestaut und überschwemmt das Land. Hinter dem Hindernis hingegen kann es zu einem Wassermangel kommen. Gleiches geschieht bei einem Hindernis im Stoffwechsel. Der Körper wird von einem angestauten Stoffwechselprodukt „überschwemmt“, und das führt zu Krankheitszeichen. Zusätzlich kann die gestörte Nährstoffverwertung zu einem Mangel (z.B. an Energie oder Mineralstoffen) führen. Auch dadurch können Krankheiten entstehen.
Derzeit sind über 1000 durch einen Enzymmangel verursachte Stoffwechselstörungen bekannt, denen jeweils ein Fehler in einer bestimmten Erbanlage zugrunde liegt.
Bei der Galaktosämie ist der Stoffwechsel von Eiweißen und Fetten ganz normal. Es existiert jedoch ein Fehler im Kohlenhydratstoffwechsel, und zwar im Stoffwechsel der Galaktose. Im Folgenden wird deshalb näher auf die Kohlenhydrate und ihren Stoffwechsel eingegangen
Kohlenhydrate
Die Gruppe der Kohlenhydrate besteht aus Einfach-, Zweifach-, Mehrfach- und Vielfachzuckern. Sie sind jeweils aus unterschiedlichen Mengen von einzelnen Zuckermolekülen (Zuckerbausteinen) zusammengesetzt.
Die wichtigsten Einfachzucker sind Glukose (Traubenzucker), Fruktose (Fruchtzucker) und Galaktose (Schleimzucker). Da die Bezeichnung Schleimzucker ganz ungebräuchlich ist, werden im Folgenden für die Einfachzucker die Namen Glukose, Fruktose und Galaktose benutzt. Einfachzucker finden sich z.B. in Obst oder Gemüse. In der folgenden Tabelle findet sich eine Übersicht über gängige Einfachzucker.
Die wichtigsten Zweifachzucker sind der Milchzucker (Laktose), der aus Galaktose und Glukose besteht, und der übliche Haushaltszucker (Saccharose), der aus Fruktose und Glukose besteht. An Mehrfachzuckern sollen nur wenige genannt werden: Dreifachzucker wie Raffinose und Vierfachzucker wie die Stachyose finden sich in einigen Gemüsesorten. Diese Mehrfachzucker enthalten zwar Galaktose, spielen jedoch für den Menschen kaum eine Rolle.
Vielfachzucker sind Pflanzenstärke und Glykogen(tierische Stärke). Sie finden sich z.B. in Obst und Gemüse. Vielfachzucker (auch Polysaccharide genannt) stellen die Speicherform von Zucker im Organismus dar. Dazu werden z.T. über 1000 verschiedene Zuckerbausteine zusammengesetzt. So können sie „platzsparend“ gelagert und bei Bedarf wieder abgebaut und zur Energiegewinnung genutzt werden.
Kohlenhydratverbindungen
Zucker können auf unterschiedliche Weisen miteinander verbunden sein. Für die Galaktosämie von besonderer Bedeutung sind die sog. α- und β-glykosidischen Bindungen.
Diese beiden Verbindungsformen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Struktur. Sie werden auch unterschiedlich abgebaut. Galaktose in α-glykosidischen Bindungen findet sich u.a. in Obst und Gemüsen. Der Mensch kann α-glykosidische Bindungen nicht aufbrechen und darum die in Obst und Gemüse enthaltene Galaktose auch nicht freisetzen. Obst und Gemüse sind daher auch bei Menschen mit Galaktosämie für den Verzehr geeignet, obwohl sie Verbindungen enthalten, in denen sich Galaktose findet. Ein Kohlenhydrat mit β-glykosidischer Bindung ist z.B. der Milchzucker, die Laktose. Der Mensch kann β glykosidische Bindungen spalten und so aus der Laktose die Glukose (den Traubenzucker) und die Galaktose (den Schleimzucker) spalten. Darum sind Lebensmittel, die Laktose enthalten, für Patientinnen und Patienten mit Galaktosämie nicht geeignet. Beim Einkauf und der Verarbeitung von Lebensmitteln ist dies zu berücksichtigen.
Zucker können nicht nur untereinander Ketten bilden, sondern gehen oft auch mit anderen Stoffen im Körper Verbindungen ein. Verbindungen von Zuckern und Fetten (sog. Lipiden) werden als Glykolipide bezeichnet. Glykolipide stellen vor allem im Nervengewebe einen wichtigen Baustein der Zellwände dar. Verbindungen von Zuckern mit Proteinen heißen Glykoproteine. Sie finden sich z.B. um die Gelenke als eine Art Gelenkschmiere, sind wichtiger Bestandteil des Blutes und gleichzeitig unerlässliches Baumaterial für Zellwände, die sog. Membranen. Auch einige Hormone sind von ihrem Aufbau her Glykoproteine.
Funktionen der Kohlenhydrate
Im Wesentlichen haben Kohlenhydrate zwei Aufgaben:
- Sie sind die wichtigste Energiequelle des Körpers.
- Sie spielen eine unerlässliche Rolle für den Auf-, Ab- und Umbau sowie die Funktion von Zellwänden.
Energiegewinnung aus Kohlenhydraten
Der Körper kann Kohlenhydrate nur in Form des Einfachzuckers Glukose (Traubenzucker) zur Energiegewinnung nutzen. Damit Energie auch aus Mehrfachzucker gewonnen werden kann, müssen diese zunächst bei der Verdauung in Mund und Darm in Einzelzucker zerlegt werden.
Kohlenhydrate, die bei der Verdauung nicht in Einzelzucker zerlegt werden können (z.B. Zellulose und die erwähnten -glykosidisch gebundenen Einfachzucker) stehen dem Körper nicht für die weitere Verwendung zur Verfügung und werden ungenutzt mit dem Stuhl ausgeschieden.
Nach der Spaltung in Mund und Darm werden die Einfachzucker – und nur diese – ins Blut aufgenommen und zur Leber transportiert. Dort müssen sie in Glukose umgewandelt werden, um als Energielieferanten genutzt werden zu können.
Kohlenhydrate in der Zellwand
Wie erwähnt haben Kohlenhydrate noch eine andere sehr wichtige Funktion in den Zellen des menschlichen Körpers. Diese soll im Folgenden genauer erklärt werden. Alle Zellen des Körpers sind von einer Wand umgeben, die Membran genannt wird. Die Membran bildet die Grenze zu anderen Zellen und kontrolliert den Ein- und Austritt wichtiger Stoffe, um die Funktion der einzelnen Zellen aufrecht zu erhalten. Zellmembranen sind nicht starr und unbeweglich, sondern in einem bestimmten Maße verformbar. Das liegt vor allem an ihren Baumaterialien. Alle Zellwände bestehen im wesentlichen aus Fettsäuren, Glyzerin und verschiedenen Kohlenhydratketten.
Die Kohlenhydratketten ragen wie Antennen aus der Zellmembran heraus und werden benötigt, um Stoffe an die Zellemembran binden und in die Zelle einschleusen zu können. Ähnlich wie die Hausnummern und Namensschilder eines Hauses dem Postboten zeigen, wo er welchen Brief abzugeben hat, weisen sie einzelnen Stoffen des Körpers den Weg.
Die für die Bildung der Zuckerketten erforderlichen Zuckermoleküle werden von jeder Zelle selbst gebildet und auch zusammengefügt. Sie können nicht aus der Nahrung gewonnen werden.
Die Bildung der Zuckerketten erfolgt zeitlebens, da Zellen und Zellwände ständig auf- und abgebaut werden. Damit die Zellmembranen während des ganzen Lebens funktionsfähig bleiben, müssen alle ihre Anteile immer wieder erneuert werden. Bei diesen Erneuerungsvorgängen werden auch die verschiedenen Zuckerketten von der Membranoberfläche freigesetzt. Die frei werdenden Zuckerbausteine, darunter auch Galaktose, müssen vom Körper vollständig abgebaut werden. Eine Wiederverwertung für andere Zellmembranen ist nicht möglich.
Galaktose für die Membranfunktion muss von jeder Körperzelle selbst hergestellt werden, die in Milch enthaltene Galaktose kann dafür nicht verwendet werden.
Galaktosestoffwechsel beim Gesunden
Im Folgenden soll der Galaktosestoffwechsel, also der Auf-, Ab- und Umbau der Galaktose erläutert werden. Dazu soll zunächst erklärt werden, wie der Stoffwechsel der Galaktose bei gesunden Menschen abläuft.
Galaktose findet sich in der Nahrung vor allem in der Milch. Dort dient sie der Energiegewinnung in der Säuglingszeit. Nach der Säuglingszeit braucht der Mensch im Prinzip keine Milch mehr für seine Ernährung. Natürlich kann er weiter Milch trinken, wenn sie ihm schmeckt, und Milch ist als günstiges Nahrungsmittel durchaus zu empfehlen. Sie enthält u.a. verschiedene Mikronährstoffe in einer gut vom Organismus nutzbaren Form (z.B. Kalzium) und ist daher günstig für die Bildung von kalkreichen Knochen.
Die Galaktose ist in der Milch gemeinsam mit einem Baustein Glukose zum Zweifachzucker Laktose verknüpft. Die mit der Milch aufgenommene Laktose wird bei der Verdauung im Darm in ihre beiden Einzelzucker (Galaktose und Glukose) gespalten. Anschließend können die Einfachzucke Glukose und Galaktose ins Blut aufgenommen werden.
Wie bereits erwähnt kann die Glukose direkt von den verschiedenen Organen (z.B. vom Gehirn) aufgenommen und für die Energiegewinnung verwendet werden.
Für die Galaktose im Blut ist dieser direkte Verbrauch durch die Organe nicht möglich. Sie muss in der Leber erst in Glukose umgewandelt werden. Die Umwandlung von Galaktose in Glukose erfolgt mit Hilfe von drei Enzymen.
Da die Enzyme sehr lange und komplizierte Fachbezeichnungen haben, werden sie im folgenden abgekürzt als GAL-Kinase, GAL-Transferase und GAL Epimerase bezeichnet.
Galaktosestoffwechsel bei Galaktosämie
Bei der Galaktosämie ist die Umwandlung von Galaktose in Glukose gestört. Die Störung liegt in der Erbanlage für das Enzym mit dem komplizierten Namen Galaktose 1-Phosphat-Uridyltransferase. Dieses Enzym vermittelt den zweiten Schritt im Umbau der Galaktose. Der Name dieses Enzyms wird mit GAL-Transferase oder GALT abgekürzt. Im folgenden Text wird diese Abkürzung verwendet.
Obwohl Galaktose ein Kohlenhydrat ist, können Patientinnen und Patienten mit Galaktosämie die Galaktose nicht als Energiequelle nutzen. Im wesentlichen hat der Mangel an GALT zwei Folgen:
1. Aus Galaktose kann keine Glukose und damit keine Energie gewonnen werden. So wie bei dem gestauten Bach das Wasser nicht weiter fliessen kann.
2. Sowohl die mit der Nahrung zugeführte Galaktose als auch die Galaktose aus dem Um- und Abbau von Zellmembranen wird auf anderen Wegen abgebaut als durch die Verstoffwechselung zu Glukose. So wie das Wasser bei einem aufgestauten Bach über die Ufer tritt und sich einen anderen Weg sucht. Bei diesen außergewöhnlichen Abbauwegen der Galaktose entstehen jedoch zwei Stoffe, die potentiell schädlich für den Menschen sind. Diese Stoffe sind vor allem Galaktitol und Galaktose-1 Phosphat. Obwohl auch Wasser primär für den Menschen lebenswichtig und unschädlich ist, kann es, wenn es nicht kontrolliert wird, Schaden anrichten. Ähnlich verhält es sich mit dem Galaktosestoffwechsel bei Patientinnen und Patienten mit Galaktosämie.
Diagnose
Die Galaktosämie ist bereits seit vielen Jahren bekannt. Anfangs wurde die Erkrankung nur anhand der Beschwerden im Neugeborenenalter diagnostiziert. Heute kann man die Galaktosämie bereits in den ersten Lebenstagen im Neugeborenen-Früherkennungsprogramm (sog. Neugeborenenscreening) auf angeborene Stoffwechselstörungen aufspüren.
Neugeborenen-Früherkennungsprogramm (Screening)
Seit über 30 Jahren wird in Deutschland jedes neugeborene Kind auf einige angeborene Störungen und Krankheiten untersucht. Seit einigen Jahren ist diese Untersuchung freiwillig und bedarf deshalb der Zustimmung der Eltern.
Schon seit langem gehört die Untersuchung auf das Vorliegen einer Galaktosämie zu diesem Screening. Am 3. Lebenstag wird Blut aus der Ferse des Neugeborenen entnommen und an ein spezialisiertes Labor geschickt. Manchmal besteht zu diesem Zeitpunkt bereits der Verdacht auf eine Galaktosämie und das Frührerkennungsprogramm dient lediglich der Diagnosebestätigung. Ein Teil der Patientinnen und Patienten wird aber auch erst im Screening erkannt, und die akute Krankheitsphase kann verkürzt oder vermieden werden.
Andere Störungen des Galaktosestoffwechsels
Die Galaktose-1-Phosphat Uridyltransferase (GALT) ist nur eines von drei Enzymen, die am Abbau der Galaktose beteiligt sind. Aber nur der Mangel an GALT führt zur Galaktosämie. Abbildung 5 zeigt, dass auch die GAL-Kinase (GALK) und die GAL Epimerase (GALE) für den Galaktosestoffwechsel wichtig sind.
Und so wie die GALT können auch GALK oder GALE bei Menschen in zu geringer Menge vorhanden sein. Sie führen jedoch nicht zu einem Krankheitsbild wie bei der Galaktosämie. Dennoch werden sie – vermutlich weil sie den Abbau der Galaktose betreffen – oft ebenfalls zur Galaktosämie gezählt. Diese Zuordnung ist nicht ganz richtig und hat vor Jahren schon dazu geführt, dass man für den GALT-Mangel den Begriff „klassische Galaktosämie“ eingeführt hat. Um die Abgrenzung zu ermöglichen, soll im folgenden kurz auf den GALK- und den GALE-Mangel eingegangen werden.
Mangel an Galaktokinase (GALK)
GALK- und GALE-Mangel werden auf die gleiche Art und Weise vererbt wie der GALT-Mangel auch. Die Häufigkeit des GALK-Mangels is nicht sicher beurteilbar, sie liegt aber wohl weit niedriger als die des GALT-Mangels.
Die Symptome sind bei weitem nicht so vielfältig wie beim GALT-Mangel. Das einzige typische Merkmal des GALK-Mangels ist – bei ausbleibender oder zu später Behandlung – eine meist beidseitige Trübung der Augenlinse. Der GALK-Mangel wird ebenfalls meist schon im Neugeborenen-Screening entdeckt, so dass diese Augenschädigung in der Regel vermieden werden kann. Sollte es bereits zu einer Trübung der Linse gekommen sein, so ist sie häufig umkehrbar, wenn die Behandlung konsequent durchgeführt wird. Menschen mit GALK-Mangel müssen dazu aber genauso eine galaktosearme Diät einhalten wie Patientinnen und Patienten mit GALT-Mangel.
Mangel an Galaktose-4-Epimerase (GALE)
Beim GALE-Mangel fehlt das Enzym Galaktose-4-Epimerase, abgekürzt GALE, und auch hier kann die Galaktose nicht vollständig in Glukose umgewandelt werden. Die Störung ist aber nicht so schwerwiegend, weil es u.a. nicht zur Bildung bzw. Freisetzung von körpereigener Galaktose kommt. Zwei Formen des GALE-Mangels muss man voneinander trennen:
- Einerseits kann der Enzymmangel lediglich in den roten Blutkörperchen vorkommen. Diese Form des GALE-Mangels wird auch als periphere Form bezeichnet. Menschen mit peripherem GALE-Mangel sind eigentlich gar nicht krank, und sie müssen auch keine galaktosearme Diät einhalten.
- Betrifft der Enzymmangel aber nicht nur die roten Blutkörperchen, sondern auch andere Zellen und Gewebe des Körpers, so spricht man einem zentralen GALE-Mangel. Menschen mit zentralem GALE-Mangel müssen eine galaktosearme Diät einhalten, wie es Patientinnen und Patienten mit GALT-Mangel tun müssen. Diese Form des GALE-Mangels ist aber extrem selten und wurde bis vor kurzem nur bei weniger als zehn Patientinnen und Patienten auf der Welt gefunden.
Krankheitsbild
Störungen in der Neugeborenenzeit und ihre Behandlung
Störungen beim älteren Kind mit Galaktosämie
Hat der Säugling mit Galaktosämie die akute Phase der Erkrankung überstanden, muss die galaktosearme Ernährung lebenslang fortgeführt werden. Langfristig kann es aber u.a. durch den Anstau von Stoffwechselprodukten aus der körpereigenen Galaktosebildung zu Beeinträchtigungen kommen.
Motorik und Bewegung
Die altersgemäße körperliche Entwicklung ist bei einem Teil der Patientinnen und Patienten verzögert. Sitzen und Laufen werden unter Umständen zu einem etwas späteren Zeitpunkt erlernt als das bei gesunden Kindern der Fall ist. Grob und Feinmotorik können gestört sein. Einige Patientinnen und Patienten fallen auch durch ein Zittern auf, dass sich bei der Annäherung an das Ziel einer bestimmten Bewegung verstärkt (sog. Intentionstremor). Auch eine Störung der Bewegungsabläufe mit der Auftreten unzweckmäßiger Bewegungen (sog. Ataxie) kann langfristige Folge der Galaktosämie sein.
Bei Geburt fallen die Kinder nicht auf. Es kann ihnen aber schon in den ersten Lebenstagen zunehmend schlechter gehen. Etwa ab dem 4. Lebenstag mögen viele von ihnen nicht mehr trinken. Sie können erbrechen und apathisch werden.
Ab dann können sich immer stärker die Zeichen einer Leberschädigung bemerkbar machen: mit vermehrter Gelbsucht (häufig), einer vergrößerten Leber, Flüssigkeitsansammlung in der Haut und im Bauch (selten), Veränderung des Blutbildes oder auch Zeichen einer schweren Infektion. Diese Kinder sind dann sehr schwer krank. Außerdem beginnt sich, die Augenlinse zu trüben, was aber nur durch eine äußerst genaue augenärztliche Untersuchung festgestellt werden kann.
Besteht der Verdacht auf eine Galaktosämie, muss die normale Ernährung (Stillen oder normale Säuglingsnahrung) gestoppt werden und gegen eine Spezialmilch, die weder Laktose noch Galaktose enthält, ausgetauscht werden. Nach der Umstellung auf laktosefreie Milch bessert sich der Zustand des Kindes innerhalb weniger Tage. Die Leberschädigung und die Trübung der Augenlinse bilden sich in der Regel vollständig zurück.
Früher konnte bei einem Kind das Vorliegen einer Galaktosämie nur anhand der schweren Krankheitssymptome in der 2. und 3. Lebenswoche entdeckt werden und auch nur dann, wenn die Kinder ganz normal gestillt wurden oder normale Säuglingsmilch erhielten. Diese Kinder entwickelten einen schweren Leber- und Nierenschaden.
Sprache
Sehen und Wahrnehmung
Knochen und Wachstum
Das Wachstum und die endgültige Körpergröße von Kindern mit Galaktosämie unterscheidet sich nach heutigem Kenntnisstand nicht von dem gesunder Kinder. Bedingt durch die galaktosefreie Diät ist jedoch die Zufuhr von besonders gut verfügbaren Mineralien reduziert. Diese sind für das Wachstum und die Stabilität der Knochen von Bedeutung. Es ist daher sinnvoll, Kalzium mit anderen – erlaubten –Nahrungsmitteln (z.B. einigen Käsesorten und kalziumreiches Mineralwasser) in ausreichender Menge zuzuführen. Evtl. kann auch die Einnahme von Kalziumtabletten sinnvoll sein. Dies sollten Sie aber unbedingt mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt besprechen.
Pubertät
Ein großer Teil der Mädchen mit Galaktosämie kommt jedoch verspätet in die Pubertät. Die Regelblutung bleibt häufig zunächst aus, bei einigen Mädchen setzt sie überhaupt nicht spontan ein. Verantwortlich dafür ist ein Hormonmangel. Es werden zu wenig Hormone produziert, die den Beginn und spontanen Ablauf der Pubertät bewirken. In solchen Fällen kann das fehlenden Hormon medikamentös ersetzt und der Pubertätsbeginn so bewirkt werden. Männliche Patienten mit Galaktosämie zeigen keinerlei Störungen der Hormone oder der Pubertät.
Schwangerschaft und Kinderwunsch
Menschen mit Galaktosämie erfüllen alle körperlichen Voraussetzungen, um eigene Kinder zu bekommen. Leider führt jedoch der oben beschriebene Hormonmangel bei Mädchen dazu, dass die weiblichen Geschlechtsorgane vorzeitig die Fähigkeit zur Aufnahme einer befruchteten Eizelle verlieren. Dadurch können Frauen mit Galaktosämie nur in Ausnahmefällen schwanger werden und Kinder bekommen. Männliche Patienten betrifft der Hormonmangel nicht. Sie können wie jeder gesunde Mensch auch Kinder zeugen.
Wichtig
Vererbung
Warum hat unser Kind Galaktosämie?
Die Galaktosämie wird vererbt, d.h. sie ist im Erbgut eines Menschen festgelegt. Im Erbgut des Menschen sind etwa 50.000 Erbanlagen vorhanden. Sie werden auch als Gene bezeichnet. Gene sind Baupläne für Proteine des Körpers. Auch für das Enzym Galaktose-1-Phosphat-Uridyltransferase (GALT) gibt es einen Bauplan, d. h. ein Gen.
Eine dieser 50.000 Erbanlagen steuert beim Menschen den Aufbau des Enzyms GALT. Die meisten Erbanlagen sind doppelt vorhanden: die eine stammt vom Vater, die andere von der Mutter. Auch die Anlage für die Bildung der GALT ist doppelt vorhanden. Es kommt vor, daß bei einem Menschen ein Fehler in einer der beiden Erbanlagen für die GALT vorliegt. Fehler in genetischen Bauplänen werden Mutationen genannt. Solange nur eine der beiden Erbanlagen für das Enzym GALT verändert ist, bemerkt der betroffene Mensch keinerlei Anzeichen. Sein Körper bildet weiterhin wirksam das GALT-Enzym nach dem Bauplan der zweiten intakten Erbanalge (Gen). Das ist zum Beispiel bei den Eltern eines Kindes mit Galaktosämie der Fall. Sie sind Erbträger für eine Galaktosämie ohne aber selber an der Störung erkrankt zu sein. Deshalb konnten Eltern vor der Geburt ihres betroffenen Kindes auch nicht wissen, daß sie die Galatkosämie übertragen.
Erst wenn beide Erbanlagen für die Bildung der GALT einen Fehler aufweisen, wird kein GALT-Enzym mehr gebildet und es kommt zur Störung des Galaktosestoffwechsels.
Der Fehler in der Erbanlage für die Galaktosämie ist nicht erst vor kurzem entstanden, sondern schon vor vielen Generationen und wurde seither weitergegeben. Da diese Stoffwechselstörung im Erbgut festgelegt ist, bleibt sie zeitlebens bestehen. Sie wächst sich nicht aus!
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Kinder in einer Familie die Galaktosämie bekommen?
Bei jedem Paar, das bereits ein Kind mit Galaktosämie hat, tragen der Vater und die Mutter je ein gesundes und ein fehlerhaftes Gen. Ein zukünftiges Kind erhält bei der Zeugung von jedem Elternteil wieder nur ein Gen für das GALT-Enzym. Bei den dargestellten Genkombinationen erkrankt nur das Kind mit den zwei Erbanlagen an einer Galaktosämie.
Das grau dargestellte Kind ist kein Anlageträger und damit gesund.
Diese halb grau und halb schwarz dargestellte Kind ist zwar ein Anlageträger, aber ebenfalls gesund.
Da also nur einer von vier möglichen Fällen zur Galaktosämie führt, ist die Wahrscheinlichkeit, daß ein weiteres Kind dieses Elternpaares eine Galaktosämie hat gleich ¼.
Ist bei einem Kind in der Familie eine Galaktosämie festgestellt worden, dann sollten auf jeden Fall auch die älteren Geschwister untersucht werden. Für eine solche Untersuchung werden einige Tropfen Blut auf ein spezielles Filterpapier gegeben, getrocknet und an ein Speziallabor zur Untersuchung eingesandt. Innerhalb weniger Tage ist dann das Ergebnis zu erwarten.
Genetische Beratung
Ein Ehepaar, welches ein Kind mit Galaktosämie hat, sollte sich unbedingt um eine genetische Beratung bemühen. In dieser Beratung wird alles besprochen, was mit der Diagnose der Galaktosämie und mit dem möglichen Auftreten anderer Erbkrankheiten in einer Familie und bei weiteren Verwandten zusammen hängt und wichtig ist. In Deutschland erfolgt die genetische Beratung nach Voranmeldung in einem Institut für Humangenetik meist an einer Universität.
Wie häufig ist die Galaktosämie?
In West- und Mitteleuropa ist etwa eines von 40 000 lebend geborenen Kindern von der Galaktosämie betroffen. In Norwegen und Schweden kommt die Galaktosämie nur halb so oft vor.
Labor
Der Verein Gal ID arbeitet mit dem Medizinischen Labor in Bremen zusammen.
Medizinisches Labor Bremen (MLHB)
Haferwende 12
28357 Bremen
Telefon (0421) 2072-0 (Zentrale)
Fax (0421) 2072-167
www.mlhb.de
Das Labor Bremen hat alle einschlägigen Analyseverfahren etabliert, die im Rahmen der Diagnostik und Stoffwechselüberwachung der Galaktosämie von Bedeutung sind (i.e. Analytik der Galaktose-Metabolite einschließlich Galaktitol, Enzymaktivitätsbestimmungen und Genyotypisierung bei GALT-Mangel).
Die Probeneinsendung kann wie zu jedem anderen Labor (ggf. mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt) erfolgen (d.h. EDTA-Blut und/oder Spontanurin, je min. 2 ml; bei Anforderung zur GALE-Analytik bitte die präanalytischen Erfordernisse erfragen) unter Angabe der gewünschten Analytik und Beifügung eines Überweisungsscheins. Auf Anfrage stellt das Labor Bremen geeignetes Einsendematerial zur Verfügung.
Das Labor Bremen verfügt über langjährige labormedizinische Erfahrung auch im Bereich der Galaktosämie. Es ist akkreditiert (DIN EN ISO 17025 & 15189; DACH).
Die Übernahme der Galaktosämie-Analytik durch das Labor Bremen erfolgt schon seit vielen Jahren In Absprache und Kooperation mit dem Wissenschaftlichen Beirat der Galaktosämie Initiative Deutschland e.V. (Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland).
Laborinformationsblatt zur Blutanalyse bei Galaktosämie (Medizinisches Labor Bremen)